ÜBER DAS POETISCHE
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F.: Wie definieren Sie das Poetische?
K.R.: Das Poetische wird oft als das Schwächliche und Allzu-Zarte mißverstanden. Das Poetische ist das Hintergründige, es steht somit außerhalb der Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Realen und Rationalen. Das Hintergründige hat normalerweise im Alltäglichen keinen Platz, es kann sich dort nicht durchsetzen, aber es hat ja dort auch nichts zu suchen. Es wird erkennbar oder erfahrbar dort, wo es im Vordergründigen und Alltäglichen Lücken gibt; dort tritt es zutage und kann dem Einzelnen durchaus als Orientierung dienen. Solche Lücken sind der Traum, auch der Tagtraum, sowie verschiedene Erscheinungsformen der Kunst wie zum Beispiel die Malerei und die Dichtkunst.
Da sich das Poetische nicht in den Vordergrund drängt, wird es oft als das Schwächliche mißverstanden. Stimmungen, indirekte Ausdrucksweisen und Andeutungen, die das Poetische charakterisieren, sind oft zart und indirekt, aber nicht schwächlich. Das Hintergründige ist eine Dimension hinter dem Realen, in dem Sinne, wie man sagt „einen Blick hinter die Dinge werfen“, es geht in Richtung Metaphysik: man will den Dingen auf den Grund gehen, zum Wesentlichen vordringen, das dem oberflächlichen Blick verborgen bleibt.
Der Blick hinter die Dinge, also hinter das Vordergründige und Allzu-Offensichtliche, ist der metaphysische Blick. Man assoziiert damit auch einen Blick hinter die „Fassaden“, es geht also auch um die Aufdeckung des Eigentlichen, die Entlarvung falscher Formen und Abläufe, um die Aufhebung von Täuschungen.
Da das Metaphysische nicht unmittelbar greifbar und begreifbar ist, liegt die Funktion der Poetischen allgemein auch darin, die Wahrnehmung zu erweitern und das Ungreifbare ein wenig greifbarer zu machen.
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F.: Sie gehen in Ihren Gedichten oft von Beschreibungen von Situationen oder eher Szenerien aus...
K.R.: Gedichte beschreiben nicht, oder wenn, dann nur auf eine sehr vordergründige Weise. Beschreiben ist distanziertes, nüchternes Wahrnehmen. Erzählen ist im Gegensatz dazu etwas anderes: lebendiger Ausdruck. Beschreiben ist Wahrnehmen, und Wahrnehmen ist kein schöpferischer Ausdruck. Das Beschreibende ist die sachliche Reportage. Das Erzählerische ist schöpferisch und bildhaft-anschaulich, es läßt Geschichten entstehen, keine Reportagen. Wenn in der Lyrik Szenerien geschildert werden, so wird damit eine Bühne erschaffen, auf der dann Hintergründiges geschieht. Um das Hintergründige zu erkennen und zu begreifen, muß der Leser – bei Lyrik denke ich an den Leser, nicht an den Zuhörer, denn ein Gedicht muss man auf Papier vor sich haben –, muß also der Leser seinerseits schöpferisch tätig werden. Der Dichter beschreibt nicht, er zieht die Konturen von Situationen, die normalerweise ungreifbar sind, er versetzt den Leser in eine Welt, deren Hintergründe sich auftun, sofern er sich mit einbeziehen läßt und bereit ist, das Angedeutete für sich zu Ende zu denken.
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