WIR WERDEN DAS ALLES AUFSCHREIBEN, sagt der Junge zu seinem Großvater, damit auch andere davon erfahren, damit alle davon erfahren. Wir werden das alles aufschreiben, alles das, was wir erleben und was wir uns erzählen auf unseren Spaziergängen durch den Ort und über die Felder und durch den Wald. Es soll ein großes Buch werden, ein dickes Buch, ein buntes Buch.
Alles soll da drin stehen, und es sollen auch viele Bilder und Zeichnungen und Landkarten drin sein. Damit man genau weiß, wovon die Rede ist, wie die Dinge aussehen und wo die Orte liegen. Es soll ein Roman und Atlas unserer Abenteuer werden.
Wer wird das Buch lesen? Wir können es den Leuten, die zu uns kommen, vorlesen, am Küchentisch oder draußen im Garten oder im Wald auf der Lichtung.
Wir werden viele, viele Blätter mit unseren Geschichten füllen und viele Zeichnungen hinzufügen und dann alles zum Buchbinder bringen, damit es ein richtiges Buch wird. Das wird unser Buch, unser einzigartiges Buch. Das sagt der Junge, der jetzt schon über vierzig ist, zu seinem inzwischen schon längst verstorbenen Großvater.
Jahre, Jahre, Jahre lagen dazwischen, zwischen der Kindheit und der Idee des Kindheitsbuchs.
Der Großvater wird alles aufschreiben mit seiner zittrigen altmodischen Schrift, der Junge wird alles aufschreiben mit seiner noch ungelenken Erstkläßlerschrift. Zwei Welten und doch eine Welt. Von dieser gemeinsamen Welt soll das Buch künden, aller Welt künden.
Werden die anderen, die Leser, verstehen, was wir da erzählen? Werden sie verwundert die Köpfe schütteln? Werden sie eintauchen in unsere Welt, in dieses Buch voll von philosophischen Spaziergängen über die Felder und durch die Wälder am Ortsrand?
Was werden sie sagen zu den Absurditäten aus aller Welt, den vermischten Meldungen aus alten Zeitungen, die wir in das Buch einkleben werden? Und was zu den Witzen von der letzten Seite der Dorfzeitung, die ja auch nicht fehlen dürfen, denn es soll ja kein ernstes Buch werden. Es soll ein heiteres, beschwingtes Buch werden über unsere Welt.
Es soll davon erzählen, wie wir dreimal um die ganze Welt reisen - mit dem Finger auf dem Globus. Das alles und noch viel mehr soll in unserem Buch stehen. Wir werden alles aufschreiben.
Wo sollen wir anfangen und wo aufhören? Alles ist miteinander verwoben und verknüpft, alles durchdringt alles, ein Wort gibt das andere - und schon sind wir mittendrin im Erzählen. Ohne Einleitung saugen uns die Geschichten ein, ohne Vorrede sind wir in ihnen und sind sie in uns.
Wir müssen viele bunte Lesezeichen weben, denn viele Stellen im Text sind zu markieren, man will am nächsten Tag nicht nur auf einer einzigen Seite weiterlesen.
Oder sollen wir die Seiten lose lassen und in einer Mappe sammeln? So daß man sich die Reihenfolge der Geschichten selber kombinieren oder mischen kann - wie bei einem Kartenspiel könnte man sich dann immer eine Geschichte aus dem Stapel ziehen. Oder sollen wir einen Fortsetzungsroman schreiben, jede Woche eine neue Lieferung für die Leser?
Und was für ein Titelbild werden wir auswählen? Doch nicht etwa ein Foto von meinem Opa und mir? Es muß ein Titelbild sein, das unsere ganze Welt umfaßt und alle Geschichten und alle Erlebnisse. Aber so ein Bild gibt es nicht - vielleicht eine Landkarte unserer Abenteuer mit all den Wegen, die sie miteinander verbinden. Mit den zahllosen Wegen, die ein dichtes Gewebe von Schicksalsfäden bilden.
Unser Buch wird von allem berichten, was es auf der Welt gibt. Nicht nur von Piratenflaggen und Schatzkarten, geheimsten Geheimnissen und Zaubersprüchen, den besten Tarnkappen und Amuletten, von Engelsfedern und Verstecken am Rande der Zeit, von der Sprache der Vögel und den Farben der Libellen.
Das Buch wird sehr wichtig sein für alle Menschen. Sie werden darin viel Wissenswertes und noch viel, viel mehr unnützes Wissen finden. Die Leser werden immer neue Verbindungen finden zu ihren eigenen Abenteuern und zu ihrem eigenen Wissen.
Alles wird sich mit allem verknüpfen, und alle Leser werden uns begleiten auf unseren heiteren philosophischen Spaziergängen. Sie werden alle in unserer Welt leben und mit uns am Abend beim Küchentisch sitzen und Leberwurstbrot essen und Buttermilch trinken.